Achtjähriges Gymnasium: Verfassungsgerichtshof kippt Klage gegen G8

Der Bayerische Verfassungsgerichtshof hat heute in einer Entscheidung die Klage eines Vaters gegen das achtjährige Gymnasium in Bayern abgelehnt. Angesichts der teilweise hahnebüchenen Argumentation des Klägers blieb da wohl auch nichts anderes übrig.

Man stelle sich einmal vor: Der Vater sagt, seine Kinder seien durch die Schule und den Nachmittagsunterricht völlig überfordert, und es würde in das Erziehungsrecht der Eltern eingegriffen. Zudem würde der Stoff …

[...] in einer Geschwindigkeit durchgezogen, dass einem Hören und Sehen vergeht.

Da bleibt mir als Beobachter doch glatt die Spucke weg:

  • Zu meiner Schulzeit in einem etwas nördlicher gelegenen Bundesland mit neunjährigem Gymnasium hatte ich dennoch mindestens dreimal pro Woche nachmittags Unterricht, außerdem anfangs auch an allen Samstagen (zum Zeitpunkt meines Abiturs nur noch an zwei Samstagen pro Monat). Es kann also nicht an der Achtjährigkeit des Gymnasiums liegen, sondern scheint eher etwas mit dem Umfang des Lehrplans und mit der Organisation des Unterrichts zu tun zu haben.
  • Kinder und Jugendliche sind wesentlich belastbarer, als sich die in Deutschland leider vorherrschenden Kuscheltherapeuten gemeinhein vorstellen können. Wenn ein Schüler seine Schullaufbahn mit 16 Jahren beendet und einen Beruf erlernt (oder auch ungelernt z.B. auf dem Bau arbeitet), dann gibt es da ja auch keine 25-Stunden-Woche, sondern es wird volle Leistung verlangt. Ein Lehrling kommt eben auch nicht mittags um 13 Uhr nach Hause1.
  • Was ist denn der Sinn, junge Menschen länger als irgendwo sonst in der Welt die Schulbank drücken zu lassen? Seltsamerweise hängen uns viele Länder in internationalen Studien (z.B. PISA) ab2, obwohl die Schüler dort nicht 13 Jahre lang bis zu Hochschulreife benötigen. Und viele dieser Länder weisen einen wesentlich geringeren Wohlstand als Deutschland auf, können also auch nicht so viel Geld in ihr Bildungssystem stecken.
  • Wenn der Kläger bei dem atemberaubenden Tempo der Stoffvermittlung nicht mehr mitkommt und das auch seinen Kindern nicht zutraut (wobei die es eventuell doch schaffen), dann kann man die berechtigte Frage stellen, ob denn wirklich alle aufs Gymnasium gehen müssen, oder ob das Gymnasium nicht doch nur etwas für das beste Viertel der Schüler sein kann. Stichwort: Elitenbildung.

    Mir würde dazu jetzt noch sehr viel mehr einfallen, aber ich muss mich jetzt einfach noch einmal zurücklehnen und darüber schmunzeln, mit welchen iditotischen wenig durchdachten Argumenten manche Menschen versuchen, die heile alte und nicht (mehr) funktionierende Welt vor Neuerungen zu bewahren, die ihren Kindern letztlich zugute kämen—es täte Deutschland nämlich mal ganz gut, wenn der Durchschnittsabsolvent eines universitären Studiengangs nicht erst mit 28 ins Arbeitsleben hinüberstolpert.

    1 Übrigens verstehe ich jetzt endlich, weshalb ich mich inzwischen manchmal etwas geschafft fühle: Das hat nichts mit meinem gegenwärtigen Beruf zu tun oder mit ausufernder Freizeitaktivität. Nein, ich bin als Kind zu viel in die Schule gegangen …

    2 Wobei die Ergebnisse solcher Studien natürlich auch mit äußerster Vorsicht zu genießen sind—gerade PISA weist so viele methodische Schwächen auf, dass man auf Grund dieser Studie besser keine alzu schnellen Schlüsse ziehen sollte.

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Eine Reaktion zu “Achtjähriges Gymnasium: Verfassungsgerichtshof kippt Klage gegen G8”

  1. Christian

    Den Schulbesuch, insbesondere den eines Gymnasiums, mit Ausbildung zu vergleichen ist schon sehr vage. Die Anforderungen und Belastungen, sind gerade aufgrund des dualen Systems sehr unterschiedlich. Ihr letzter Kommentar beschreibt die Situation bezüglich der Pisa-Studie am Prägnantesten. Es geht meiner Meinung nach eher um die Effektivität eines Schulystems. Abgesehen davon ist ein bayrisches Gymnasium eher Elite als anderswo in DE.

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