Die Apologeten des Günter Grass
Nun geht der Kampf um die Deutungshoheit los: Ist es verwerflich gewesen, dass Günter Grass in der Waffen-SS gedient hat? Darf man unserem Nationalheiligtum Günter Grass vorwerfen, was er in seiner Jugend gemacht hat? Oder, dass er es jahrzehntelang verschwiegen hat?
Es gibt tatsächlich einige Stimmen, die Günter Grass in Schutz nehmen, sowohl unter Bloggern (z.B. Joerch, politikblog, ...) als auch in den Printmedien (z.B. bei der Zeit: Historiker Bernd Wegner über Grass: Skandalöse Reaktion von Seiten der Öffentlichkeit).
So wird angeführt, dass
- Günter Grass mit 17 Jahren sicherlich noch nicht genau wusste, was er tat bzw. die moralischen Implikationen noch nicht vollständig überblickte;
- die Reaktion der Öffentlichkeit skandalös sei (warum eigentlich?);
- die Öffentlichkeit ihn in seine Rolle als Moralapostel hineingedrängt habe und er sich dieser nicht entziehen, also auch seine SS-Mitgliedschaft nicht mehr beichten konnte,
und anderes Geschwafel mehr.
Das alles geht aber am Kern der Sache haarscharf vorbei. Vorzuwerfen ist Grass nicht die Tatsache, dass er sich für die Waffen-SS gemeldet hat. Die Story, er wollte eigentlich zur Marine, da habe man aber keinen mehr genommen, ist von Zeitzeugen übrigens wiederlegt.
Es gibt aber auch die andere Meinung (die richtige! :-D), wie sie von immer mehr Quellen vertreten wird (z.B: zeineku, Bissige Liberale, Statler & Waldorf, Peristaltische Lokomotionswellen). Statt den Apologeten des Günter Grass nachzueifern und unseren Nobelpreisgewinner blind zu verteidigen, wird hier etwas genauer betrachtet, was Grass falsch gemacht hat.
Das wirklich unappetitliche an Günter Grass später Beichte ist eben dies: dass sie so spät kommt, dass sie kommt, nachdem er sich über die gesamte Spanne der bundesrepublikanischen Geschichte als moralisches Gewissen der Nation geriert hat, häufig (fast immer), ohne dass er darum gebeten worden ist.
Wer sich derart in Szene setzt und sich mit der Aura der moralischen Unfehlbarkeit umgibt, der muss vorher(!) reinen Tisch machen. Fehler machen alle, besonders in der Jugend. Diese aber bei einer solchen Lebensgestaltung und Laufbahn bis zum Lebensabend zu verschweigen, kommt einer bewussten Täuschung der Öffentlichkeit gleich.
Ähnliche Artikel in diesem Blog:
Tags: Günter Grass, Grass








Am 17. August 2006 um 09:52 Uhr
Die Gesellschaft, in der mein Blog da genannt wird, würde spontan bei mir eher den Gedanken nahelegen, daß ich danebenliege.
Aber ist schon wahr: Zwar mag ich den Ausdruck “Moralkeule” nicht, aber in ähnlich drastischer Weise hat Grass jahrelang geurteilt, auch und vor allem über die Vergangenheit. Daher ist es ein gutes Stück Selbstdemontage, wenn man über diesen Teil der eigenen Biographie so lange die Unwahrheit sagt.
Dein Trackback war zunächst von Akismet geschluckt worden, daher ist er erst jetzt zu sehen, sorry.
Am 17. August 2006 um 13:24 Uhr
Ach und wenn Frau Merkel fordert “man müsse mehr Freiheit wagen” dann frage ich mich auch wie das zu ihrer DDR-Biografie passt. Ausgerechnet so jemand als Apologetin des Radikalkapitalismus auftritt ist auch mehr als unglaubwürdig.
Da steht sie in einer Reihe mit Fischer dem Ex-Maoist, der Deutschlands Armeen in die Aussenpolitik brachte, und heute beim “Klassenfeind” eine Gastprofessur hat. Man sehe ich überhaupt mal die Biografien unserer Politiker an, da wird einem recht schnell speiübel bei so einigen. Denen würde ich auch keine Gebrauchtwagen abkaufen.
Am 17. August 2006 um 14:11 Uhr
Ich fühle mich auch ein wenig unwohl in der Gesellschaft der Grass-Apologeten. Ich wollte lediglich die beiden Seiten der Medaille darstellen. Dass es falsch war, diesen wichtigen Punkt der Vita der Öffentlichkeit so lange vorzuenthalten, sehe ich genauso. Mir ging es allerdings um die Frage des Warum. Und die wurde bislang in der Blogosphäre kaum diskuttiert.
Am 17. August 2006 um 15:33 Uhr
@njus:
Dass man dem typischen deutschen Politiker in einem anderen Berufsfeld nicht bis 12 Uhr mittags trauen würde, ist zwar ein Allgemeinplatz und eher Stammtischniveau (was ist das nicht?!), aber leider in vielen Fällen wahr – man sehe sich nur unseren Altkanzler Schröder an, der zunächst als Politiker nach verlorener Wahl noch schnell die Planung für die Ostsee-Pipeline durchwinkt, um dann wenig später in die Leitungsebene der ausführenden Firma zu wechseln, Unappetitlich bis zum Geht-nicht-mehr!
Allerdings gibt es einen großen Unterschied zwischen der von Dir angeführten Frau Dr. Merkel und Günter Grass: Zumindest nach gegenwärtigem Stand der Dinge wissen wir über den Lebensweg der Angela Merkel in der DDR so ziemlich alles Wissenswerte. Dass auch sie sich mit dem System an ein paar Stellen arrangiert hat, wird sie nicht abstreiten (können), und das werfe ich ihr auch nicht vor.
Allerdings war sie (nach gegenwärtigem Stand der Dinge, und ich nehme nicht an, dass sich das ändern wird!) doch recht unbelastet und hat vor allem nichts verschwiegen.
Ganz im Gegensatz zu Günter Grass, der einen doch nicht unerheblichen Aspekt seines Lebens unter dem GRÖFAZ eher etwas verkürzt und um wichtige Details erleichtert dargestellt hat.
Auch Joschka Fischer war zwar von zeitweiser Amnesie seiner Tage in der Frankfurter Putztruppe geplagt, hat das dann aber doch ganz gut hinbekommen – vieles rund um Fischer/Schily (Stichwort: Schlagstock) war im Übrigen auch von der Presse erfunden.
Dass ich mich in meinem Leben einmal irre – das kann vorkommen. Dass ich vom Maoisten zum Kapitalisten (oder umgekehrt) werde, das lösst sich als Entwicklung erklären.
Das Verschweigen einer Mitgliedschaft in der Waffen-SS, die sich aus den Umständen problemlos erklären ließe, bei gleichzeitigen Breitseiten gegen eigentlich unbescholtene Demokraten – das ist nicht in Ordnung.
Am 17. August 2006 um 15:38 Uhr
@ Stefan:
Mit dem Warum des jahrelangen Schweigens habe ich mich ehrlich gesagt nicht so befasst, sondern stelle ja genau diese Frage: Warum hat ein Mann, der mit seinem Urteil über andere recht schnell ist, jahrelang eine eigene Schwäche verschwiegen? Sicherlich ist eine Mitgliedschaft in der Waffen-SS nichts, womit man bei normalen Menschen große Pluspunkte sammeln könnte. Aber auch Günter Grass war ja nicht von vorneherein in der von Dir beschriebenen Rolle des moralischen Anklägers der Nation, sondern hat sich diese Position erarbeitet. Und auf dem Weg dahin wäre es gut gewesen, sich erst einmal selbst zu säubern.
Letzlich sind wir beide wohl einer Meinung und beschäftigen uns nur mit verschiedenen Aspekten.