Catch as Catch Can

Seit einiger Zeit war es bereits gerüchteweise zu hören, der Flurfunk wusste es auch schon: Der Aufsichtsrat der Siemens AG hat den Mitgliedern des Vorstandes eine 30%ige Erhöhung der Bezüge genehmigt. Bei vielen Kommentatoren werden da jetzt sicherlich neidvolle Beißreflexe ausgelöst – da will ich nicht mitmachen. Allerdings ist es schon interessant zu hinterfragen, was genau diese Erhöhung – insbesondere auch für Siemenschef Kleinfeld – rechtfertigt.

Im Folgenden werden mögliche Gründe für diesen Gehaltssprung untersucht.

Die Gehälter des Vorstands wurden seit drei Jahren nicht erhöht, er ist unterbezahlt

Es entspricht der Wahrheit, dass die Vorstandsgehälter seit drei Jahren nicht angepasst wurden. Dieses Schicksal teilen die Vorstände allerdings mit vielen Arbeitnehmern in Deutschland, die dann allerdings nicht die beruhigenden Einkommensmillionen in der Hinterhand haben.

Das Argument der Unterbezahlung ist mir immer ein bisschen suspekt: Aus meiner zugegebenermaßen etwas fernen Sicht ist es schlichtweg nicht nachzuvollziehen, warum ich einen Job für vier Millionen Euro machen würde, den ich für drei Millionen Euro abgelehnt hätte. Ich gehe davon aus, dass ab einem gewissen Einkommensniveau nicht mehr die Höhe des Gehalts, sondern die Möglichkeiten einer Position den Ausschlag geben.

Mir ist auch nicht ganz klar, weshalb nach drei Jahren ohne Anhebung dann gleich 30% das richtige Maß sind: Andere Angestellte bekommen bei Siemens in dieser Zeit, wenn es denn gut läuft, etwa acht bis zehn Prozent mehr Gehalt – und Vorstände sind keine Unternehmer, sondern auch Angestellte, sie tragen (im Gegensatz zu Aktionären) kein unternehmerisches Risiko.

Natürlich muss die von hohem Einsatz und viel Verantwortung geprägte Arbeit des Vorstandes angemessen vergütet werden. Dabei darf aber ein Bezug zur tatsächlichen Leistung und zum erzielten Ergebnis nicht verloren gehen, was uns zum nächsten Punkt bringt.

Der Vorstand leistet vorzügliche Arbeit, die Shareholder wollen das belohnen

Gemessen am Kurs der Siemens-Aktie, die seit Jahren auf gleichem Niveau vor sich hin dümpelt (mit einem kleinen Zwischenhoch im ersten Quartal 2006) und vom DAX locker ausperformt wird, hat der Vorstand eher nicht so gut gearbeitet. Was sollte die Anteilseigner also dazu animieren, eine solche Nicht-Leistung auch noch fürstlich zu entlohnen, erschließt sich dem Beobachter nicht ganz.

Es ist schlichtweg nicht im Interesse der Aktionäre, bei bestenfalls gleichbleibendem Aktienkurs und mittelprächtiger Dividendenrendite noch ein paar zusätzliche Millionen für den Vorstand auszugeben.

Kleinfeld räumt bei Siemens auf, trimmt den Konzern auf Höchstleistung

Tatsächlich hat Dr. Klaus Kleinfeld seit seinem Antritt als Siemens-Chef viel bewegt. Ob er dabei auch immer in die richtige Richtung unterwegs war, ist allerdings zumindest diskutabel:

  • Die den einzelnen Unternehmenssparten vorgegebenen Renditeziele – oft deutlich über 10% – zeugen von einem gewissen Unverständnis marktwirtschaftlicher Realitäten. Industrieunternehmen sind keine Investmentbanken und haben daher auch deutlich andere Profile: sowohl, was das getragene Risiko angeht, als auch in Bezug auf erzielbare Renditen. Unternehmen, die das verkennen, leben von der Substanz und geraten nach einiger Zeit künstlich gepuschter Renditen in bedrohliche Schieflagen.
  • Sparten, welche die von Kleinfeld gesetzten Renditeziele nicht erreichen, werden rigoros veräußert. Dieses Vorgehen kann katastrophale Folgen nach sich ziehen: So wäre z.B. die Medizintechnik-Sparte von Siemens in den 1980er-Jahren einer solchen Strategie zum Opfer gefallen. Inzwischen ist Siemens Med allerdings wieder eines der ertragsstärksten Geschäftsfelder im Konzern. Nur auf recht kurzfristige Renditeoptimierung zu bauen ist einer der sichersten Wege, auch den stärksten Konzern kaputt zu machen.
  • Ob ein sich selbst so titulierender “High-Tech-Konzern” auf eine eigene IT-Sparte verzichten kann und sollte, ist ebenfalls eher fraglich. Siemens Business Services (SBS) und das Joint Venture Fujitsu Siemens Computers bekommen auch gerade die harte Hand des Dr. Kleinfeld zu spüren. SBS sollte gar verkauft werden, es fand sich allerdings kein Investor. Wie reagiert also der Siemens-Chef? Die Angestellten üben Gehaltsverzicht (sic!), einige tausend werden wohl gehen müssen.

    Alles in allem erscheint Klaus Kleinfeld also nicht als Sanierer oder Optimierer, sondern eher als ein auf kurzfristige Rendite ausgerichteter Investment-Banker – und er ist dabei noch nicht einmal besonders gut (siehe den Kurs der Siemens-Anteile). Eine solche Strategie ist für einen Investment-Banker richtig und angemessen, für den Chef eines weltweit führenden Technologie-Konzerns führt er aber in die Sackgasse.

    Fazit

    Einem zugegebenermaßen Außenstehenden fällt es sehr schwer, der Begründung für die Erhöhung der Vorstandsgehälter zu folgen. Angesichts eher mittelprächtiger Erfolge erschiene eventuell sogar eine Kürzung der Bezüge sinnvoll.

    Wenn bei Siemens eine Sparte die an gestellten Renditeziele nicht erreicht, wird diese Sparte veräußert oder abgewickelt, Mitarbeiter müssen Gehaltseinbußen hinnehmen oder um ihren Arbeitsplatz bangen.

    Legt man gleiche Maßstäbe an den Vorstand (als Sparte “Konzernführung”) an, so geben Kleinfeld und Kollegen ein trauriges Bild ab: Die Kursrendite der Aktie liegt – wenn man seit Kleinfelds Amtsantritt Ende Januar 2005 rechnet1 – bei mageren 4,18%, und auch die Dividendenrendite ist mit 2,01% nicht wirklich geeignet, den Anleger vom Stuhl zu reißen.

    Statt einer Gehaltserhöhung hätten sich diese Herren (keine einzige Dame weit und breit!) also eher einen Gehaltsverzicht oder sogar eine Schließung ihres Geschäftsbereichs verdient.

    *Anmerkungen*

    1 Kurse vom 20.09.2006, 15:30h CEST, DAX

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