Ethikverband verurteilt Erhöhung der Vorstandsbezüge bei Siemens
Letzte Woche wurde hier im Blog ein kritischer Blick auf die Erhöhung der Gehälter für den Siemensvorstand – insbesondere für Dr. Klaus Kleinfeld – geworfen, das Thema wurde in den Medien insgesamt eher kritisch behandelt.
Inzwischen hat auch der Ethikverband der Deutschen Wirtschaft eine Pressemitteilung zu diesem Thema veröffentlicht, die ich hier einmal in voller Länge zitieren möchte:
Pressemitteilung – Mit der Bitte um VeröffentlichungErhöhung der Vorstandbezüge bei Siemens um 30 Prozent
Siemens gerät derzeit in die Kritik wegen der Erhöhung der Vorstandsbezüge um 30 Prozent. Siemens argumentiert, die Erhöhung sei notwendig, weil in den letzten drei Jahren keine Erhöhung vorgenommen worden sei und weil Siemens am unteren Ende der Gehaltsskala vergleichbarer Unternehmen steht.
Der Ethikverband der Deutschen Wirtschaft e.V. weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass es bei der Gerechtigkeit des Lohnes nicht nur um ein betriebswirtschaftliches, sondern auch um ein ethisches Problem geht. Die gerechte Bezahlung der Arbeit hängt für den EVW zunächst von der Wertschöpfung ab, die nicht immer leicht zu ermitteln ist. Gleichzeitig kann der Beitrag zur Wertsteigerung des Unternehmens eine Rolle spielen. Wertschöpfend sind die Arbeit, das Wissen der Mitarbeiter, die Mobilität und auch die Unternehmenskultur. Die Wertschöpfung geschieht nicht durch das Kapital, sondern durch Menschen.
Nun muss man sich fragen, ob der Beitrag zur Wertschöpfung durch die Vorstände von Siemens diese Gehaltssteigerung wert ist. Der Aktienkurs dümpelt vor sich hin, er kann also wohl kaum Grund für diese Steigerung sein, da eine außerordentliche Wertsteigerung nicht stattgefunden hat. Siemens befindet sich bei vergleichbaren Unternehmen an 9. Stelle der Gehälter. Das kann also auch kein Grund sein. Bleibt somit nur noch die Wertschöpfung. Und diese ist bei Siemens nicht sonderlich gut. Vom Kommunikationsgeschäft hat Siemens sich getrennt, die Gewinnmarge lag bei gerade einmal 0,8 Prozent. SBS schreibt rote Zahlen; der Verlust betrug 194 Millionen Dollar allein im vorletzten Quartal. Gleichwohl ist der zuständige Vorstand ebenfalls von der Gehaltssteigerung betroffen. Der Erfolg kann also nicht Ursache der Gehaltssteigerung sein. So wird sich der Aufsichtsrat inklusive des dort tätigen Betriebsrates fragen lassen müssen, wie sich die Erhöhung der Bezüge erklären lässt. Es mag sicher jederzeit das Recht geben, Bezüge von Vorständen zu erhöhen; einen betriebwirtschaftlichen und sicher vor allem ethisch-moralischen Vorwurf wird sich der Aufsichtsrat gefallen lasen müssen. Der Ethikverband der Deutschen Wirtschaft e.V. erlebt hier nur eine neue Unredlichkeit, die sich dadurch auszeichnet, dass sich jemand daneben benimmt, also sozial-unverträglich verhält, ohne es zu bemerken. Für den Ethikverband der Deutschen Wirtschaft e.V. ist es sehr bedauerlich, dass solche Entscheidungen den angeschlagenen Ruf deutscher Unternehmensführer weiter beschädigen helfen.
Der Ethikverband stößt also in das gleiche Horn wie ich: Der Siemensvorstand war nicht sonderlich erfolgreich, die Performance der Aktie ist nicht dazu angetan, die Anleger zu spontanen Freudentänzen zu veranlassen. Also ist auch eine “Gehaltsanpassung” in dieser Größenordnung nicht gerechtfertigt.
Ich bin gespannt, ob Klaus Kleinfeld und Konsorten angesichts der großen öffentlichen Empörung über diese moralisch anfechtbare Gehaltserhöhung noch einmal über die Sache nachdenken – oder eben auch nicht. Auch das würde dann Aufschluss über das Selbstverständnis der obersten Managerkaste geben.
Übrigens, und nur als Denkanstoß: Warum eigentlich bezieht Heinrich von Pierer für seine Stellung als Chef des Aufsichtsrats von Siemens jährlich 4,8 Millionen Euro? Aufsichtsräte tagen nicht werktäglich, viele Manager nehmen mehrere Aufsichtsratsmandate gleichzeitig wahr (übrigens hat auch Klaus Kleinfeld neben seinem Job als Siemenschef noch zwei Aufsichtsratsposten, darunter einen bei der Citibank Corporation).
Was soll uns das nun sagen: Überbezahlung der Aufsichtsratsposten? Durch die Unternehmensführung nicht ausgefüllte, unterforderte Elitemanager in deutschen Vorstandsetagen? Aushöhlung des moralisch-ethischen Konsens durch einige Wenige?
Ich bin ratlos …
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