BenQ schleicht sich

Nur etwa ein Jahr, nachdem die Siemens AG ihre Handy-Entwicklung und -produktion an den taiwanesischen Elektronik-Konzern BenQ veräußert hat, drehen die Asiaten ihrem deutschen Ableger nun den Geldhahn zu. Direkte Folge: Die Geschäftsführung hat heute beim Münchner Amtsgericht die Insolvenz beantragt.

Man kann nun lange lamentieren, dass dieses Vorgehen link ist und die Arbeitnehmer vor den Verlust ihrer Existenz stellt. Dies ist sicherlich alles richtig und bedauerlich, und da selbst Siemens-Chef Klaus Kleinfeld Mitgefühl für die deutschen BenQ-Beschäftigten äußert, scheint es sich schon um einen außergewöhnlichen Fall zu handeln.

Dieser Fall ist insbesondere deswegen beachtenswert, weil BenQ alle rechtlichen Möglichkeiten genutzt hat, um den übernommenen Siemens-Bereich schnellstmöglich im eigenen Sinne zu “restrukturieren”. Üblicherweise versteht man unter einer Restrukturierung, dass ein Unternehmen durch teilweise auch unpopuläre und schmerzhafte Maßnahmen – etwa den Abbau von Arbeitsplätzen, Gehaltskürzungen und die Streichung sozialer Zusatzleistungen – versucht, die Effizienz und Produktivität wieder auf ein Niveau zu steigern, das ein langfristiges Überleben erlaubt.

Nicht so aber im vorliegenden Fall bei BenQ: Die Asiaten haben stattdessen die ehemalige Siemens-Sparte in drei Teilunternehmen zerlegt:

  • In der BenQ Management GmbH werden Geldwerte zusammengefasst, die Spitzenmanager der deutschen BenQ-Niederlassung sind hier angestellt und haben somit sowohl ihre Gehälter als auch ihre Abfindungen sicher. Diese GmbH ist nicht insolvent.
  • In der BenQ Asset GmbH wird geistiges Eigentum wie Patente, Gebrauchsmuster u.ä. geparkt. Diese stehen der BenQ-Konzern auch nach der jetzigen Aufgabe der Produktion in Deutschland zur Verfügung, um mit dieser von Siemens gekauften Technologie neue Handys zu entwickeln und in Taiwan fertigen zu lassen. Diese GmbH ist ebenfalls nicht von der Insolvenz betroffen.
  • Die meisten deutschen Mitarbeiter sind Angestellte bei der BenQ Mobile GmbH & Co. OHG; schon die eher überraschende Wahl der Rechtsform lässt aufhorchen. Diese Gesellschaft ist mit € 25.000 Kapital ausgestattet, ein angesichts von 3.000 Mitarbeitern geradezu mickriger Betrag. Die Aufgabe dieser Firma war die Bereitstellung der Mitarbeiter für Entwicklung, Produktion und Vertrieb der in Deutschland gefertigten Handys. Diese Gesellschaft ist von der Insolvenz betroffen.

    Die Zielrichtung von BenQ ist recht eindeutig: Das geistige Eigentum, das BenQ auch zukünftig nutzen möchte, wurde in eine eigene Gesellschaft überführt und abgetrennt. In einem nächsten Schritt musste man sich nur noch von den deutschen Mitarbeitern trennen. Damit das Top-Management da mitspielt – schließlich liquidiert sich niemand gerne selbst und verzichtet am Ende gar noch auf ausstehende Gehaltszahlungen – wurde auch das Top-Management in ein rechtlich selbständiges Unternehmen abgetrennt. Damit war der Weg frei für die heute angemeldete Insolvenz.

    Von diesem eher rüden Vorgehen zeigt sich inzwischen schon der Vorstand von Siemens überrascht und gesteht den ehemaligen Angestellten von BenQ eine bevorzugte Behandlung bei Bewerbungen für Stellen im Siemens-Konzern zu. Darüber hinaus prüft Siemens rechtliche Schritte gegen BenQ, da sich auch Siemens arglistig getäuscht fühlt. Laut Siemens-Chef Kleinfeld war die langfristige Fortführung von Entwicklung und Produktion von Handys in Deutschland eines der Hauptkritierien gewesen, dass beim Verkauf der Handy-Sparte für den Interessenten BenQ gesprochen habe.

    Die Asiaten zeigen sich vom Sturm der Entrüstung überrascht: Bei der Übernahme habe man natürlich mit einem langfristigen Fortführen der Geschäftstätigkeit ausgegangen, das allerdings jetzt nicht mehr durchzuhalten sei. Tatsächlich – das muss man zugestehen – hat BenQ seiner deutschen Tochter mehrfach mit Geldtransfers in Höhe von mehreren hundert Millionen Euro unter die Arme gegriffen – offenbar ohne Erfolg.

    In meinen Augen muss allerdings ein Investor bei einem Engagement dieser Größe auch über genügend Ausdauer verfügen, um nicht schon nach einem Jahr den Bettel wieder hinzuwerfen. Da war dann die Erwartungshaltung des Käufers offenbar eine falsche: Ich kann einen defizitären Betrieb, der am Geschmack oder den Bedürfnissen der Kunden vorbeigehende Produkte im Portfolio hat, nicht über Nacht sanieren. Da muss ich mich schon auf einen unter Umständen mehrere Jahre langen Prozess einrichten.

    Fazit

    Was bleibt, ist ein schaler Geschmack, und man kann sich auch des Eindrucks nicht erwehren, ein asiatischer (chinesicher!) Konzern habe sich Know-How zu einem Schnäppchenpreis unter den Nagel gerissen (immerhin hat Siemens noch 250 Millionen Euro obendrauf gelegt, also einen negativen Preis erzielt!) und sich dann der “mitgekauften” Angestellten auf eine rechtlich elegante, moralisch aber äußerst zweifelhafte Art und Weise entledigt.

    Ähnliche Artikel in diesem Blog:

    No tag for this post.

2 Reaktionen zu “BenQ schleicht sich”

  1. Dirk Meister

    Ja, du hast Recht. Der Nachgeschmack des Ganzen ist echt schal.
    Ob alles von Siemens so geplant gewesen ist, wie es für die Gewerkschaftler “offensichtlich” ist, glaube ich eher nicht.

    Aber BenQ hat sich zumindest bei mir als Technik-Lieferant erledigt. Obwohl ich diesen Text gerade vor einem BenQ-Monitor schreibe. Die Geschäftspraktik finde ich so nicht in Ordnung.

  2. node-0 » Blog Archiv » Google: YouTube wird für 1,6 Milliarden Dollar gekauft

    [...] Das lässt noch Raum für Interpretationen. Wir erinnern uns: Auch BenQ hatte zunächst alle Mitarbeiter der Handy-Sparte von Siemens übernommen, um sie dann nur ein knappes Jahr später über einen durchaus zweifelhaften Konkurs in die Wüste zu schicken. [...]

Einen Kommentar schreiben

Dieses Blog verwendet Textile für Textauszeichnungen. HTML wird nicht unterstützt.