Grass schreibt an Karl Schiller

Der Spiegel Online berichtet über zwei Briefe des Schriftstellers und ehemaligen Mitglieds der Waffen-SS Günter Grass an den früheren Bundeswirtschaftschaftsminister Karl Schiller. In diesen Briefen fordert das moralische Stehaufmännchen der Nation den Politiker auf, seine NS-Vergangenheit baldmöglichst aufzudecken.

In dem Bericht heißt es u.a.:

Am 15. Juli 1969 schrieb Grass in einem Brief an einstigen SA- und NSDAP-Mitglied Schiller, er wolle ihn “unumwunden bitten, bei nächster Gelegenheit – und zwar in aller Öffentlichkeit – über Ihre politische Vergangenheit während der Zeit des Nationalsozialismus zu sprechen. Weiter heißt es: “Ich hielte es für gut, wenn Sie sich offen zu Ihrem Irrtum bekennen wollten. Es wäre für Sie eine Erleichterung und gleichfalls für die Öffentlichkeit so etwas wie ein reinigendes Gewitter.”

Im folgenden Jahr schreibt Grass erneut an Karl Schiller.

Ein Jahr später, am 28. April 1970, schrieb Grass erneut an Schiller, verwundert darüber, dass er seine Mitgliedschaft bei der NSDAP noch immer nicht zum Thema gemacht habe: Er habe lange darüber nachgedacht, “wie es möglich sein kann, dass ein Politiker mit so viel Weitblick und Erfahrung … so verengt reagieren kann”. Weiter betonte Grass, ihm sei “diese Materie nicht unvertraut”. Er habe “nur Teilantworten gefunden, die Hinweise geben könnten auf übliches intellektuelles Verhalten, also auf den berühmt-berüchtigten Hochmut des Wissenden”.

Zumindest für mich schwingen in diesen Sätzen bedrohliche Untertöne mit: Gestehe Deine Vergangenheit, oder ich decke alles auf. In meinen Augen scheint es sich um eine moralisch verwerfliche Nötigung zu handeln.

Die zitierten Aussagen lassen es umso verwunderlicher erscheinen, weshalb Grass seine eigenen Verstrickungen erst mit 61-jähriger Verspätung im Sommer 2006 – koinzidierend mit seiner Autobiographie – öffentlich eingestand.

Der Eindruck, da habe sich jemand auf Kosten anderer als moralisches Gewissen einer ganzen Nation geriert und dabei die tiefbraunen Flecken auf der eigenen Weste bewusst verschwiegen, wird noch verstärkt.

Wie kann man von anderen die Offenbarung begangener Fehler verlangen, gleichzeitig aber das eigene Fehlverhalten in gleicher Sache – so verständlich es auch unter den damals leider gegebenen Umständen war – jahrzehntelang verschweigen? Wie sieht das moralische Innenleben, das ethische Grundgerüst eines Mannes aus, der gerne Steine auf andere wirft, dabei aber alles andere als ohne Schuld ist?

Ich kann mich über das Leben und Wirken von Günter Grass – das mir schon immer suspekt war – nur noch mehr wundern.

Ähnliche Artikel in diesem Blog:

Tags: ,

Eine Reaktion zu “Grass schreibt an Karl Schiller”

  1. mein-parteibuch.com » Grässliche Unvernunft - eine Replik

    [...] der Zensor Günter Grass zum Beispiel wieder im Frühjahr, wenn die jüngste Klage des Streihahnes, diesmal gegen seinen Biografen Michael Jürgs, in der Zensurkammer des Landgerichts Berlin [...]

Einen Kommentar schreiben

Dieses Blog verwendet Textile für Textauszeichnungen. HTML wird nicht unterstützt.