Elite aus der Retorte
Heute ist es also soweit: Deutschlands Elite-Universitäten werden im Rahmen der Exzellenzinitiative der Bundesregierung offiziell gekürt. Ist das ein Grund zum Feiern? Eigentlich nicht – denn Deutschland dürfte das einzige ernstzunehmende Land sein, dass seine Elite in einem strukturierten und offiziellen Weg ermittelt. Wie traurig.
Andere Gesellschaften bauen darauf, dass sich Eliten entwickeln, dass sich aus der Masse einige wenige erheben und im freien Wettbewerb Leistungen weit über dem Mittelmaß abliefern. Dann sieht man diese Leistungsbringer als der Elite zugehörig an.
Niemand hat etwa in den USA entschieden, dass das MIT, das CALTECH und Stanford “die Elite” sind. Oxford und Cambridge in Großbritannien haben ihr Ansehen als Elite-Universitäten nicht einer öffentlichen Ausschreibung zu verdanken. Alle diese akademischen Leuchttürme haben im Übrigen auch keine Urkunde verliehen bekommen, die ihnen bestätigt, Mitglied der akademischen Elite zu sein. Ihnen genügt die Wahrnehmung der Menschen, dass sie eben diese Elite sind.
Freilich: Damit ein elitenbildender Wettbewerb in Gang kommen kann, braucht es zwei Dinge:
- Die “Teilnehmer” müssen sich frei bewegen können, sie dürfen nicht starr reglementiert werden. D.h. in Bezug auf die deutschen Universitäten, dass sie selbst (und nicht die ZVS ) über die Aufnahme von Studenten entscheiden, ihre Einnahmen frei verwalten, Studiengebühren in eigener Verantwortung (und jeder Höhe) erheben und ihre fachliche Ausrichtung ohne Rücksicht auf politische Befindlichkeiten selbst bestimmen dürfen. Erst wenn diese Voraussetzungen gegeben sind, kann sich eine Elite herausbilden: Das sind dann diejenigen Akteure, die am erfolgreichsten handeln
- Ein solcher elitenbildender Prozess benötigt Zeit. Es ist zwar zu begrüßen, dass die Politik nach Jahren der Vernachlässigung des deutschen Hochschulwesens dieses nun wieder entscheidend fördern möchte. Es ist auch sehr positiv, dass nun endlich auch die ewigen Alt-1968er in der SPD das Wort “Elite” nicht mehr als übles Schimpfwort ansehen und endlich begreifen, dass eine Gesellschaft eine Elite benötigt, die sich weiterbringt und weiterentwickelt. Trotzdem: Im Hauruck-Verfahren lässt sich keine Elite schaffen. Diese muss sich selbt herausbilden. Im Falle der o.g. Universitäten aus dem anglo-amerikanischen Raum hat dieser Prozess Jahrzehnte, teilweise auch Jahrhunderte gedauert.
Die Verleihung des Titels “Elite-Universität” an einige wenige deutsche Universitäten heute hat deswegen ein bisschen etwas von einer Auszeichnung als “Mitarbeiter des Monats”: Der Ausgezeichnete freut sich und bekommt ein paar kleinere Vergünstigungen (denn mehr ist die Förderung durch die Bundesregierung nicht), die entsprechende Urkunde wird ausgehangen – und außer dem Auszeichnenden und dem Ausgezeichneten interessiert sich kaum jemand dafür.
Viel wichtiger als dieser überflüssige Ich-bin-Elite-Wettbewerb wäre eine wirkliche Reform des Hochschulrechts gewesen, die eine Abschaffung jeglicher Einflussmöglichkeit durch die Politik auf die akademische Landschaft in Deutschland umfasst. Universitäten müssen endlich wirklich unabhängige Entscheidungen über ihr akademisches Profil in Forschung und Lehre treffen und ihre Finanzen auf Ausgaben- und Einnahmenseite (Stichwort: Studiengebühren) selber regeln dürfen. Das würde tatsächlich zu universitärer Spitzenforschung führen, zu einer ganz neuen Qualität auch in der Lehre.
Gratulieren wir also unserer neuen Elite, wer auch immer dazu gehören wird, und hoffen wir, dass die Zukunft einen wirklichen Wettbewerb um die besten Köpfe bringen wird – denn sonst sieht es für die akademische Landschaft in Deutschland (auch für die “Elite”) düster aus.
Ähnliche Artikel in diesem Blog:
Tags: SPD








Am 13. Oktober 2006 um 14:30 Uhr
[...] Bund und Länder wollen in der Exzellenzinitiative drei Universitäten als Elitehochschulen fördern – unter zehn Bewerbern setzten sich die Universitäten München, Karlsruhe und die Technische Universität München durch. [...]