Islam, Christentum, Kopftücher, Kreuze

Für eine Religion sind ihre Symbole immer wichtig: Was dem Christen der den Foltertod am Kreuz sterbende Jesus Christus, ist dem Moslem der Halbmond, die Farbe Grün und das Verhüllen reizender (weiblicher) Körperteile vor den Blicken anderer.

Zur Zeit scheint es da echten Diskussionsbedarf geben, was in einer freiheitlichen westlichen Gesellschaft angehen mag und was nicht, was also zu tolerieren (oder gar zu begrüßen?) bzw. was eher abzulehnen ist.

Da wäre zunächst der Fall der British Airways, bei denen es für das Kabinenpersonal offensichtlich erlaubt ist, seine Zugehörigkeit zum Islam durch das Tragen eines Kopftuches zu dokumentieren, während um den Hals getragene Ketten mit einem christlichen Symbol, dem Kreuz, als unerwünschte und verbotene Meinungsäußerung gilt.

Dagegen protestiert hat u.a. der CSU-Mann Singhammer, der übertriebenerweise zu einem Boykott der British Airways aufrief, schließlich seien Kopftuch und Kreuz beides religiöse Symbole; nur eines davon zu verbieten, sei eine Diskriminierung.

Hierzu schreibt Rayson in einem Beitrag bei den Bissigen Liberalen:

Da irrt Herr Singhammer. Kreuz und Kopftuch sind nicht gleichzusetzen. Es gibt keine Vorschrift, die Christen das Tragen von Kreuzen in welcher Form auch immer vorschreibt. Und konsequenterweise dürften Christen unter den Trägern von Kreuz-Schmuckstücken tatsächlich in der Minderheit sein.

Das stimmt – Christen müssen kein Kreuz tragen, wollen das aber vielleicht. Ähnlich verhält sich das aber auch bei den Kopftüchern: Nicht alle Moslems glauben, eine Frau müsse sich verhüllen, einige wollen das aber. Auch der Islam ist bei weitem nicht so geschlossen, wie er sich vielleicht manchmal für den unbedarften Beobachter darstellt. Auch dort gibt es Meinungsunterschiede, auch zu dem Thema, ob Frauen sich verhüllen müssen oder nicht. Die beiden Dinge (Kreuz und Kopftuch) sind hinsichtlich der Pflicht bzw. dem Wunsch, die zu tragen, also schon vergleichbar.

Heute nun lese ich bei den Bissigen Liberalen einen Beitrag von Boche:

Herr Wolff weist [...] die Kritik von islamischer Seite zurück, die auf einen Aufruf zum Kopftuchverzicht erfolgten. Er pariert sie mit offensichtlich sicherem Wissen, was im Islam anerkannte Meinung zum Thema Frauenkopftuch ist. Wer ihm nicht glaubt, wird mit einer Beweisführung überwältigt, in der Regelungen einer halben Militärdikatur als Argument herangezogen werden. Ob diese argumentatorische Intelligenz die Moslems beeindruckt?

Es mag stimmen, dass Hartfrid (nicht “ie”?) Wolff keine letztendlich gültige Autorität auf dem Gebiet der Koranauslegung ist.

Was aber auch stimmt: Der alte Spruch “Zwei Anwälte, drei Meinungen” ist auch auf die Auslegung des Korans (und der Bibel übrigens genauso) anzuwenden.

Ich denke, man findet unter den Korangelehrten sowohl solche, die ein absolutes Verhüllungsgebot aus dem Koran herauslesen wie auch solche, die eine ebensolche Pflicht in der heiligen Schrift der Moslems nicht zu erkennen vermögen.

Die heiligen Bücher der mosaischen Glaubenfamilie (Christentum, Judaismus, Islam) “kranken” etwas daran, dass sie nicht aus einer Feder stammen, sondern eher eine Textsammlung mit religiösem Bezug sind – Strenggläubige aller eben genannten Religionen mögen mir verzeihen, dass ich diese Schriften nicht als wortwörtliche Transkription des Willen Gottes ansehe.

Und da an diesen Werken so viele Menschen mitgewirkt haben, zu verschiedenen Zeiten, in unterschiedlichen Gesellschaften, widersprechen sich Bibel, Koran und Tora häufig selbst. Was in einem Teil erlaubt ist, wird an anderer Stelle widerrufen und an einer dritten Stelle wiederum zu Pflicht gemacht (das war jetzt eine verschärfte Darstellung).

Wenn Herr Wolff also die Meinung vertritt, es gebe keinen Zwang, als gläubige moslemische Frau einen Schleier zu tragen, dann hat er damit Recht – genauso wie diejenigen, die eine solche Pflicht bejahen. Es kommt eben immer darauf an, wen man fragt – am besten natürlich jemanden, der sich mit so etwas auskennt :-D

Fazit

In einer freien Gesellschaft sollte entweder gelten, dass öffentliche religiöse Äußerungen (wozu auch das Tragen von Kreuzen und Kopftüchern zählt) verboten ist, weil man mit diesen Glaubensbekenntnissen Andersgläubige unangenehm berühren könnte.

Oder es ist eben erlaubt, öffentlich Bekenntnis über seinen Glauben abzulegen, ob durch Wort, Tat oder durch das Tragen entsprechender Symbole.

Die Argumentation, das Kopftuch sei für moslemische Frauen(!) vorgeschrieben, das Tragen von Kreuzen für Christen hingegen nicht, ist meiner Ansicht nach nicht valide.

Wir leben hier in Europa in säkularen Gesellschaften. Wir sollten unser öffentliches Leben also nicht nach religiösen Lehren und Vorschriften gestalten. Das Primat des Gesetzes und der (weltlichen) Politik über die Religion muss auch hier gewahrt bleiben, insbesondere sollten wir keine Ausnahmen ausgerechnet für diejenigen Religionen machen, die für ihre inhärente Intoleranz gegenüber Andersdenkenden und Ungläubigen bekannt ist.

Ich plädiere hier ganz stark für eine Gleichbehandlung – und wähle aus den beiden oben skizzierten Möglichkeiten die Variante, dass öffentliche Religionsbekenntnisse in einer säkularen Gesellschaft nichts zu suchen haben – weder bei kopftuchtragenden Stewardessen, noch in Ordenstracht unterrichtenden christlichen Nonnen.

Und noch eine Sache: Selbst wenn ich mich irre es anders wäre und es eine eindeutige und von keinem Moslem bestrittene Pflicht zum Tragen von Kopftüchern gäbe: Wie weit wollen wir unsere Gesetze und andere Regelungen an anderen Religionen ausrichten. Was ist, wenn morgen eine neue Religion/Sekte/Strömung/... entsteht und behauptet, es sei gegen den Willen Gottes/der Götter, Steuern zu zahlen? Sind wir dann auch noch nachsichtig? Wo ziehen wir die Grenze, wie weit darf eine fremde Religion unsere Öffentlichkeit, unsere Regeln, Tabus und Gewohnheiten bestimmen?

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4 Reaktionen zu “Islam, Christentum, Kopftücher, Kreuze”

  1. sibi

    Ich finde, eine Kopftuch zu tragen ist nicht schlimm.Sclimmer wäre wenn eine Frau nackt über die strasse laufen würde.Also die Frauen die anständig sich ankleiden haben mahr Respekt gegenüber.Schliesslich haben früher auch die christen einen Kopftuch getragen.

  2. Martin Eisenhardt

    Hallo sibi,

    zunächst einmal: Wenn das Kopftuch ein modisches Accessoire wäre, dann spräche in der Tat nichts dagegen, wenn manche Frauen Kopftücher trügen und andere nicht.

    Es verhält sich aber etwas anders: Das Kopftuch ist ein religiöses Symbol und kennzeichnet die Trägerin als Muslimin. Nun ist gerade der Islam eine Religion, in der Frauen nicht viel zu melden haben. Dass einzelne Frauen sich erst durch das Tragen des Kopftuches “frei” fühlen, ist an sich schon recht bezeichnend für das Binnenklima in der deutschen muslimischen Gemeinde. Ich – als Christ – etwa fühle mich ohne ein Kreuz um den Hals genau so frei wie mit Kreuz.

    Das Kopftuch ist also ein Symbol für die systematische Geringschätzung der Frauen im Islam. Während Männer ihren Körper (Haare, Gesicht, ...) ohne Einschränkung zur Schau stellen können, wird der weibliche Körper über jedes vernünftige Maß hinaus verhüllt – das hat nichts mit Anstand oder Schamgefühl zu tun.

    Daher ist auch Dein Hinweis auf nackt umherlaufende Frauen etwas fehl am Platze. Die Entscheidung ist ja nicht: Entweder Kopftuch oder gar keine Kleidung. Es geht lediglich darum, dass Frauen sich genau so kleiden können wie Männer auch. Primäre und sekundäre Geschlechtsmerkmale sollten verdeckt sein, alles weitere sollte dem persönlichen Geschmack überlassen sein.

    Zum Thema “Christen haben früher auch Kopftücher getragen”: Diese Aussage geht haarscharf an der Wahrheit vorbei. Natürlich gab und gibt es Christen, die Kopftücher tragen. Das war und ist aber kein Ausdruck der Religion, sondern hat mit regionaler Tracht und modischen Trends zu tun.

  3. sonja

    ich finde es nicht schlimm wenn frauen kopftücher tragen .Immerhin tragen meine mutter und meine geschwister auch ein kopftuch. wir sind ja auch muslime, also ich freue mich das ich eine muslimen bin .
    allah möge alle auf den rechten weg bringen . immerhin ist das respekt das frauen ein kopftuch tragen.

  4. Martin Eisenhardt

    Es spricht erst einmal wenig dagegen, wenn moslemische Frauen Kopftücher tragen, wäre da nicht das immer wieder bestätigte Gefühl, dass sie das nicht auf ganz freiwilliger Basis tun.

    Ich persönlich verstehe auch nicht ganz, warum sich eine Frau verschleiern muss, damit sie andere Männer nicht reizt (denn das ist doch Grund, oder?). Ich habe meine Gefühle und Hormone so weit unter Kontrolle, dass ich eine unverhüllte Frau nicht gleich anmache und unsittlich berühren muss. Ob das für alle Männer, vor allem auch für alle Männer in prädominant islamisch geprägten Gesellschaften gilt, kann ich nicht entscheiden.

    Was mich allerdings immer wieder extrem stört, ist das Zurschaustellen religiöser Überzeugungen, egal welcher Ausrichtung. Religion ist etwas höchst Privates und hat im öffentlichen Raum nichts zu suchen. Wenn jemand ein (kleines!) Kreuz oder einen kleinen Halbmond um den Hals tragen möchte – bitte, nichts dagegen.

    Mir wird aber schon unwohl bei all den Leuten, die sich das Symbol eines Fisches als Zeichen für Jesus auf ihr Auto kleben; und mir ist auch unbehaglich, wenn sich die Hälfte der Menschheit verschleiern soll, ohne das es dafür einen Grund (z.B. einen Sandsturm) gibt.

    Veschleierung hat mit einer freien Gesellschaft nichts zu tun, sondern ist die Antithese zu Freiheit und Demokratie.

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