Steuern, Gerechtigkeit und Bürokratie

Mit dem Finanzamt Hersbruck hatte ich ausgehandelt, dass ich meine Einkommenssteuererklärung für 2005 statt bis zum 31. Mai 2006 bis zum 30. November 2006 abzugeben habe. Die »normal verlängerte Frist« bis zum 30.09.2006 konnte ich leider nicht einhalten, da ich mir aus dem Sommerurlaub ein kleines Andenken mitgebracht hatte.

Wie das bei mir (und vermutlich auch bei vielen anderen) leider immer wieder passiert, habe ich mit dem Erstellen der Steuererklärung bis zum letzten Wochenende vor der Deadline gewartet – also war heute der Tag vor allem fiskalischen Themen gewidmet.

Was mich dabei wie jedes Jahr wieder auf die Palme bringt, ist die Tatsache, dass ich, um Väterchen Staat ein einträgliches Salär zukommen zu lassen, auch noch jede Menge Zeit aufwenden muss. Meine – noch nicht ganz finalisierte – Steuererklärung erreicht nämlich regelmäßig schon fast Buchumfang. Dieses Jahr sieht sie so aus:

Da werden dann noch einmal ca. 5 Seiten hinzukommen, auf denen ich Werbungskosten und ähnliches etwas näher auseinandersetze. OK, ich will mich nicht beschweren, der Tagessatz für diesen Aufwand schon ganz in Ordnung ist und eher für einen senior consultant einer renomierten Beratungsgesellschaft anzusetzen wäre. Es lohnt sich also, die Zeit in die Steuererklärung zu investieren, zumal ich aufgrund Einkommens aus selbständiger Arbeit auch zur Abgabe einer solchen verpflichtet bin – dann kann ich sie auch gleich richtig machen und alles optimieren.

Allerdings: Warum eigentlich ist das deutsche Steuerrecht derart kompliziert, dass selbst ein relativ normaler Bürger so viel Aufwand in eine Steuererklärung stecken muss?

Ich bin eigentlich – aus Steuersicht zumindest – kein sonderlich komplizierter Fall:

  • Ich bin unverheiratet, keine Kinder, keine Riesterrente;
  • keine direkte Unternehmensbeteiligung;
  • Einkommen aus nicht-selbständiger und aus selbständiger Arbeit (Nebentätigkeit);
  • Einkommen aus üblichen Kapitalanlagen (ein paar Aktien, ein paar Rentenpapiere, Kapitallebensversicherung, Fondsparen);
  • übliche Aufwendungen für Versicherungen (Unfall, Haftpflicht, Kfz-Haftpflicht, Berufsunfähigkeit),
  • kein gefördertes Wohneigentum, keine Vermietungen.

    Durchaus alles typisch, und dennoch dauert es vier bis fünf Stunden, bis ich – obwohl mittlerweile recht geübt – die Steuererklärung von Tisch habe. Und damit ist es ja noch nicht getan: In den letzten Jahren habe ich meinen Steuerbescheid regelmäßig beanstanden müssen, z.T. ging es um mehrere hundert bis mehrere tausend Euro. Also nochmal Aufwand.

    Und: Irgendjemand im Finanzamt muss meine Einkommenssteuererklärung ja auch prüfen und den Steuerbescheid erstellen. Auch das sind ja Kosten, die unser Steuersystem erzeugt – und zwar reale Kosten, denn der Finanzbeamte möchte ja am Monatsende auch was auf seinem Konto sehen. Im Falle des Steuerpflichtigen sind es ja »nur« Opportunitätskosten, die anfallen; in der Zeit, die man mit dem Erstellen der Steuererklärung verbringt, könnte man ja auch andere Dinge tun: Geld ausgeben (und Mehrwertsteuer zahlen), mehr Einkommen generieren (und damit mehr Einkommensteuer zahlen), Finanzanlagen optimieren (und damit ebenfalls mehr Steuern auf Kapitalerträge zahlen).

    Da fragt man sich doch, warum unser Steuersystem eigentlich so komplex ist, dass ca. 70% der weltweit verfügbaren Literatur zum Steuerrecht auf deutsch erscheint – nicht ohne Grund, wie man weiß.

    Das deutsche Steuersystem ist vor allem deshalb so komplex, weil wir in Deutschland den inneren Zwang verspüren, Verteilungsgerechtigkeit herzustellen. Es soll bloß keinem besser gehen als dem anderen, jede Lebenssituation soll (nicht nur fiskalisch) bis in letzte gesetzlich geregelt werden.

    Und dieser Grundgedanke, dieser an sich zwar schöne, in der Umsetzung aber unglaublich bürokratiefördernde Ansatz führt dann dazu, dass die Steuergesetze so komplex sind und das Sozialgesetzbuch inkl. Kommentaren mehrere Regalmeter belegt.

    Wohl fühle ich mich in einer solchen Gesellschaft nicht. Ich bin da Fan des von Friedrich Merz ehemals propagierten Modells der »Steuererklärung auf dem Bierdeckel«: Ich addiere alle meine Einnahmen, egal aus welcher Quelle die stammen (abhängige Beschäftigung, selbständige Tätigkeit, Kapitelerträge, Vermietungen, ...), ziehe alle meine Kosten ab, die für die Erzielung dieser Einkommen notwendig waren, und zahle auf die verbleibende Summe – sofern die größer als Null ist! – eine progressive Steuer. Noch lieber wäre mir natürlich eine flat tax wie etwa in Tschechien oder in einige baltischen Staaten.

    Kann man da dagegen sein? Kann man ernsthaft behaupten, bei einem solchen System herrschte weniger Gerechtigkeit? Kann man ernsthaft daran zweifeln, dass bei einem so radikal vereinfachten Steuersystem fiele es zumindest schwerer, Steuern zu hinterziehen und Schlupflöcher zu stopfen?

    Natürlich nicht. Verteilungsgerechtigkeit hat mit wirklicher Gerechtigkeit nicht viel zu tun.

    Aber dem Wahlvolk, dass alle Jahre (oder gar Monate) wieder in die Wahlkabinen getrieben wird, käme es wohl doch weniger gerecht vor. Einfache Regeln können etwas so komplexes wie das eigene Leben – vor allem, wenn man staatliche Transfers empfängt – halt nicht adäquat abbilden.

    Zumindest glauben das die sozial Bewegten in den politischen Parteien.

    Und die wollen wiedergewählt werden.

    So einfach kann es manchmal sein.


    Zu diesem Thema im WWW:

  • Die Wege des Finanzamtes sind unergründlich
  • Finanzamttango
  • Wer fragt, ist dumm
  • Steuern kosten Geld! – Neue Gebührenstrategie des Finanzamtes
  • Wer keine Arbeit hat …
  • Die liebe Steuererklärung
  • Tusch bitte.
  • Wer den Cent nicht ehrt
  • Steuererklärung: Wie das Geld ausgeben?
  • Die spinnen, die Finanzler
  • Steuern

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