Annette Schavan wird technisch

Die Bundesministerin für Bildung und Forschung, Dr. Annette Schavan, möchte die Zahl der jährlichen Schulabbrecher in den kommenden fünf Jahren halbieren. Sie begründet dies damit, dass Arbeitssuchende, die noch nicht einmal einen einfachen Schulabschluss auf einer Hauptschule erworben haben, auf dem Arbeitsmarkt so gut wie chancenlos sind. Außerdem ist Annette Schavan aufgefallen, dass Leuten ohne Schulabschluss häufig auch ein paar Sekundärtugenden (»Pünktlichkeit ist eine Zier, doch es geht auch ohne ihr …«) sowie die guten Umgangsformen abhanden gekommen sind.

Ihr Konzept zur Erreichung des selbst gesteckten Ziels ist noch ein wenig schwammig – um nicht zu sagen nicht-existent. Eines aber weiß Frau Dr. Schavan schon jetzt: In der Schule soll künftig der Schwerpunkt auf die »technischen Fächer« gelegt werden und nicht mehr auf das, was unser werter Herr Altkanzler Gerd »der lupenreine Demokrat« Schröder wohl als »Gedöns« abgetan hätte: Sprachen, Geisteswissenschaften und Verwandtes.

Ob ich die Einschätzung Annette Schavans hinsichtlich des Erziehungsniveaus von Schulabbrechern wirklich in dieser generalisierenden Art und Weise teile, das weiß ich noch nicht ganz. Allerdings legen meine (zugegebenermaßen wenigen!) Berührungspunkte mit dieser Klientel nahe, dass Schavan vielleicht nicht in jedem individuellem Fall, wohl aber bei einer großen Zahl der Schulabbrecher Recht hat.

Eine aber halte ich schon fast für skandalös: Die Versteifung (hihi!) Annette Schavans auf die »technischen Fächer«. Mal ganz abgesehen davon, dass sie wohl eher die »naturwissenschaftlich-technischen Fächer« gemeint hat (außer Informatik fällt mir nämlich kein technisches Schulfach ein), zeugt das doch von einem gewissen Unverständnis hinsichtlich des allgemein bildenden Auftrags der Schulen und widerspricht übrigens auch ihrer implizit geäußerten Absicht, auch die Umgangsformen der Zielgruppe zu verbessern.

Als Informatiker liegt es mir nun wirklich fern, für die Geisteswissenschaften zu Felde zu ziehen. Ich fühle mich in der Informatik, Mathematik, Physik und artverwandten Bereichen wesentlich wohler als in Geschichte, Germanistik u.ä.

Gleichwohl weiß ich aber, dass zu einem gebildeten Menschen eben auch diese Bereiche gehören. Erst die Geisteswissenschaften machen aus einem (fast) seelenlosen Fachidioten einen Experten. Nur wer auch Kenntnisse in Literatur und Kunst, über unsere Geschichte und die Europas, über Geographie und Politik hat, nur der kann sein technisches Wissen und sein Handeln in einen größeren Kontext einordnen und an Ethik und Moral ausrichten.

Wenn Annette Schavan die sicherlich bei vielen Schülern vorhandenen Schwächen in Mathematik als Hemmnis für den Einstieg ins Erwerbsleben ansieht, hat sie absolut recht. Das darf dann aber nicht bedeuten, eine Schule zu fordern, die nur noch oder überwiegend technischen Wissen als Berufsvorbereitung vermittelt.

Was wir in Deutschland brauchen – und ein Blick auf die Nachmittags-Talkshows bei den privaten Sendern zeigt das überdeutlich – ist eine Schule, die aus Kindern rundum informierte und allgemein ausgebildete Menschen macht.

Post Scriptum

Wenn ich ürbigens ein Schulfach empfehlen dürfte, dessen Lehrinhalte meiner Sicht nach vielen Mitgliedern des Prekariats besonders großen Nutzen verspricht, dann ist das übrigens nicht Mathematik.

Es ist Deutsch. Is’ klar, Alder?!

Ähnliche Artikel in diesem Blog:

No tag for this post.

Einen Kommentar schreiben

Dieses Blog verwendet Textile für Textauszeichnungen. HTML wird nicht unterstützt.