Zensur beim Axel-Springer-Verlag?

Der Axel-Springer-Verlag (das ist der mit der Bild-»Zeitung«, nicht der mit den schlauen Büchern) ist seit jeher für seine stramm konservative Grundhaltung bekannt. Gut, jedem das seine, mit Konservativen kann ich im Zweifelsfall deutlich besser als mit linken Gutmenschen, die vor lauter ideologischer Verblendung lauter falsche Dinge tun. Das Gegenteil von gut ist eben gut gemeint.

Apropos »ideologische Verblendung«: Der Chef-Redakteur der Bild-»Zeitung«, Kai Dieckmann, hat ein Buch über die 68er-Generation in Deutschland (und der Welt …?) geschrieben, Titel: »Der große Selbstbetrug«. Bis dahin kann ich das nur unterstützen, die 68er-Generation hat sich tatsächlich weitgehend selbst betrogen; ein Beispiel ist nur der Vorwurf an die Elterngeneration, im dritten Reich die Faschisten unterstützt zu haben – was in vielen (den meisten?) Fällen wohl stimmt – dabei gleichzeitig aber ein hetzerisches und faschistoides Vorgehen in den eigenen Reihen (von Rudi Dutschke und der APO bis hin zur RAF) absolut zu dulden, ja gut zu heißen.

Wie dem auch immer sei, und was auch immer genau in diesem Buch stehen mag: Alan Posener, Chef-Kommentator bei der ebenfalls aus dem Axel-Springer-Verlag stammenden Zeitung »Die Welt« hat einen Kommentar zur Erscheinung dieses Buches geschrieben. Er sieht Kai Dieckmann wohl auf einer Art Kreuzzug gegen die 1968er und kritisiert, dass Dieckmann – wegen seines noch recht geringen Alters – da gar keine Informationen aus erster Hand haben könne, sich aber über die Beeinflussung durch die 1968er beklagt. So schreibt Dieckmann u.a.:

Das Erbe der 68er hat uns in eine Sackgasse geführt. Es wird Zeit, endlich umzukehren.

Posener kritisiert auch, dass Kai Dieckmann – zu Recht! – das oftmals unmoralische und ethisch fragwürdige Handeln der 68er mit Maßstäben misst, die er an sein eigenes Tun als Chefredakteur der Bild-»Zeitung« sicherlich nicht angelegt wissen wollte. Posener wirft Dieckmann also nicht mehr und nicht weniger vor, als ein Heuchler zu sein, und dazu noch ein schlechter.

Auszüge aus dem Kommentar von Alan Posener:

Ah ja, klar. (…) Die 68er haben K.D, gezwungen, als Chefredakteur der Bildzeitung nach Auffassung des Berliner Landgerichts “bewusst seinen wirtschaftlichen Vorteil aus der Persönlichkeitsrechtsverletzung Anderer” zu ziehen. Die 68er zwingen ihn noch heute, täglich auf der Seite 1 eine Wichsvorlage abzudrucken, und überhaupt auf fast allen Seiten die niedrigsten Instinkte der Bild-Leser zu bedienen, gleichzeitig aber scheinheilig auf der Papst-Welle mitzuschwimmen. (…) Man kann nicht die Bildzeitung machen und gleichzeitig in die Pose des alttestamentarischen Propheten schlüpfen, der die Sünden von Sodom und Gomorrha geißelt. So viel Selbstironie muss doch sein, dass man die Lächerlichkeit eines solchen Unterfangens begreift. (…)

Wenn man ein bisschen zynisch ist, auf miniberöckte Vorzimmermiezen großen, auf Ernsthaftigkeit eher weniger Wert legt, kann man [bei “Bild”] Karriere machen, und das ist völlig OK so. Einer muss es ja machen, so wie einer den Dieter Bohlen machen muss, und einer den Papst. Aber wenn Dieter Bohlen den Papst geben würde, müsste man auch lachen, oder?

Das wirklich spannende daran ist nun, dass dieser Kommentar offenbar aus dem Online-Angebot der »Welt« entfernt wurde. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt: Mir kommen dabei gleich Gedanken an Zensur und Meinungsdiktatur in den Sinn.

Dieses Vorgehen hat nun aber Aufmerksamkeit erregt: So hat BILDblog heute zunächst über den Kommentar an sich und dann über die Entfernung desselben berichtet, und Udo Vetter vom lawblog bietet sogar an, den bei der Welt – wohl auf Druck der Konzernleitung – gelöschten Kommentar in voller Länge bei sich zu publizieren ; ein Angebot, dem auch ich mich anschließe.

Denn in einer freiheitlichen Demokratie gibt es genau eine Sache, die man nicht hinnehmen darf: die Unterdrückung der freien Meinungsäußerung. Zwar haben wir hier in Deutschland – ganz im Gegensatz z.B. zu den USA – eine andere Güterabwägung, wenn es um die freie Rede geht: In den USA hat das Recht auf freie Rede (»freedom of speech«) Vorrang vor vielen anderen wichtigen Rechtsgütern, in Deutschland endet die freie Meinungsäußerung von Privatpersonen und der Presse immer dann, wenn GG §1 ins Spiel kommt: Die Würde des Menschen ist unantastbar und geht eben noch vor das Recht auf freie Meinungsäußerungen.

WIe dem auch immer sei, das Angebot der Blogosphäre an Alan Posener steht wohl, dass seinen Kommentar in voller Länge und unzensiert zu publizieren. Eigentlich stelle ich aber an Organisationen – gerade an Medienkonzerne! – den Anspruch, der sich schön mit einem Zitat von Evelyn Beatrice Hall beschreiben lässt:

Ich verachte Ihre Meinung, aber ich gäbe mein Leben dafür, dass Sie sie sagen dürfen.

Oder – wie Voltaire es formulierte:

Du bist anderer Meinung als ich und ich werde dein Recht dazu bis in den Tod verteidigen.

Vielleicht sollten Kai Dieckmann und die Führung des Axel-Springer-Verlags sich das mal zu Herzen nehmen.

Update: Auch die bissigen Liberalen ohne Gnade bieten Alan Posener nun an, seinen Kommentar zu hosten. Vielleicht wird es doch langsam knapp für den Axel-Springer-Verlag – denn genau so schießt man sich PR-mäßig selbst ins Bein.

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2 Reaktionen zu “Zensur beim Axel-Springer-Verlag?”

  1. Karsten

    Dem Springer-Verlag sind wir egal. Völlig egal. Die Geste meines Mitautoren war ebenso nett gemeint wie bedeutungslos. Denn im Gegensatz zu uns (also Boche, mir und Dir) muss Apo von seiner Schreibe leben. Also wird nix passieren.

    Trotzdem habe ich Spaß, das noch einmal intensiv zu diskutieren. Aber im Gegensatz zu Kai Diekmann erreichen wir die Massen nicht. Und das gilt für uns alle, inklusive Alan Posener. Deswegen hat der ja auch nachgegeben. :(

  2. Martin Eisenhardt

    Dass Blogger wie ich nicht für Millionen schreiben, ist klar. Bei B.L.O.G., S&W, Lizas Welt, Basic Thinking, ... bin ich mir da nicht so sicher – da ist die Reichweite wohl doch deutlich höher.

    Wenn ich also etwas schreibe, ist über Meinungsmache – wegen der fehlenden Millionen Leser – kein Druck auf den Axel-Springer-Verlag aufzubauen. Dennoch denke ich, dass dieses Vorgehen, also die Zensur eines beliebten Kommentators, bei politisch/gesellschaftlich interessierten Menschen mit Internetzugang nicht unbemerkt geblieben ist – auch wenn sie keine Blogger sind und keine Blogs lesen.

    Und bei einem Teil dieser Menschen handelt es sich genau um die Zielgruppe zumindest der Welt – und da wird es interessant. Wenn ich die Welt abonniert hätte, würde ich mir jetzt tatsächlich überlegen, wie ich reagiere. Ein Brief an die Chefredaktion wäre das Mindeste, vermutlich würde ich zur FAZ wechseln oder mir generell über den Sinn eines papiergebundenen Abonnements Gedanken machen. Ich habe kein Welt-Abo, werde aber zukünftig am Arbeitsplatz zu einer anderen dort zur Verfügung gestellten Lektüre greifen … :-D

    Und die Verbreitung des Textes verhindern konnte diese Zensur-Maßnahme auch nicht: Der Volltext bei Lizas Welt steht wohl für alle absehbare Zeit online und kann dort gelesen werden – übrigens mit ein paar Informationen zu den Hintergründen.

    Ein letztes Wort noch hierzu:

    Und das gilt für uns alle, inklusive Alan Posener. Deswegen hat der ja auch nachgegeben.

    Ich denke nicht, dass Alan Posener auf- oder nachgegeben hat. Das würde ja bedeuten, dass er z.B. den Blogpost selbst gelöscht hat oder sein Handeln als fehlerhaft begreift. Ich denke eher, dass er nicht die Machtmittel hat, gegen diesen ungeheuerlichen Eingriff in die Meinungsfreiheit vorzugehen.

    Für die Außenwirkung ist das natürlich irrelevant. Für die moralisch-ethische Bewertung der Handelnden ist das allerdings von zentraler Bedeutung.

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