Deutsche Bummelbahn (oder: shICE)
Seit gestern gilt der neue Sommerfahrplan der Deutsche Bahn AG, und besonders überschwenglich werden zwei neue Verbindungen nach Paris gefeiert: Der deutsche ICE fährt von Frankfurt aus nach Paris, der französische Hochgeschwindigkeitszug TGV pendelt zwischen Paris und Stuttgart.
Bahnchef Medorn freut sich darüber, dass nun die Bahn dem Flugzeug Konkurrenz mache und viele Reisende vom Flugzeug auf die Schiene umsteigen werden. Bei genauerem Hinsehen aber erkennt man, dass diese Hoffnung wohl unbegründet ist.
Denn die Reisezeit mit den Hochgeschwindigkeitszügen (etwa vier Stunden von Frankfurt nach Paris) ist immer noch unattraktiv gegenüber einem Flug. Medorn und andere Zugfans führen ins Feld, dass zu einer Reise ja nicht nur die reine Fahr- bzw. Flugzeit, sondern eben auch die Anreise zum Bahnhof bzw. Flughafen gehören; dort hätten die Züge angeblich einen Vorteil, weil sie direkt in die Innenstädte fahren und man nicht erst umständlich zu einem Flughafen an der Peripherie fahren muss. Allerdings: Die meisten Reisenden zwischen Frankfurt und Paris dürften Geschäftsreisende sein. Die wollen meist gar nicht ins Stadtzentrum, sondern in die Gewerbegebiete und Geschäftszentren. Ob es da nun vom Bahnhof oder vom Flughafen aus kürzer und bequemer ist, dürfte vom Einzelfall abhängen.
Aber auch die Fahrzeit selbst kann man kritisieren – denn sie ist einzig und allein ein Resultät einer völlig verfehlten Fahrplangestaltung seitens der Deutschen Bahn. Statt die Geschwindigkeit des ICEs voll auszuspielen und die ICEs nur in wenigen Hauptknotenpunkten des Bahnnetzes halten zu lassen, müssen – häufig aus (kommunal-) politischen Gründen – die Hochgeschwindigkeitszüge in vielen Städten halten, von denen man als nicht Einheimischer wohl noch nie gehört hat. Beispiel: Der ICE 1604 von München über Berlin nach Hamburg hält nach dem Start in der bayrischen Hauptstadt in Ingolstadt, Nürnberg, Erlangen, Lichtenfels, Jena, Leipzig, Lutherstadt Wittenberge, um dann endlich nach Berlin zu gelangen. Zwischen Berlin und Hamburg hingegen hält der ICE nicht mehr an. Von den Zwischenstopps kann ich alleine Nürnberg und Leipzig nachvollziehen, beides Ballungsräume mit etwa einer Million Einwohner.
Warum aber hält der ICE nach dem Halt in Nürnberg bereits in Erlangen schon wieder (für »Zugereiste«: Nürnberg und Erlangen liegen direkt nebeneinander und teilen sich z.B. auch eine Universität)? Können die Erlanger nicht nach Nürnberg fahren, um dort in den ICE zu steigen? Und warum wird ausgerechnet Lichtenfels mit einem ICE-Halt beglückt (Einwohnerzahl: 21.221, Quelle: Wikipedia)?
Solange die Deutsche Bahn den großen Vorteil des ICE – die enorme Geschwindigkeit – nicht richtig ausspielt, wird das auch nichts mit der Konkurrenz zum Flugzeug. Dabei ginge dies recht einfach: Ein weitmaschig geknüpftes Hochgeschwindigkeitsnetz mit wenigen Haltestellen in Ballungsräumen, darunter – hierarchisch gestuft – mehrere Ebenen immer feinmaschigerer Netze mit langsameren Zügen, die dann aber auch öfter halten. In einem solchen System können kurze Strecken in annehmbarer Zeit zurückgelegt werden, für weite Strecken reise ich zunächst zum nächsten Hauptknotenpunkt des Hochgeschwindigkeitsnetz und kann von dort aus mit maximaler Geschwindigkeit reisen. Liegt mein Ziel nicht in einem Ballungsraum, muss ich am Ende wieder auf einen langsameren Zug umsteigen.
So schafft man Effizienz, sowohl in Kosten- als auch unter Zeitaspekten. Allerdings: Wer nicht in einem Ballungsraum wohnt, muss zunächst mit einem langsameren Zug fahren und dann in den ICE umsteigen. Und genau da liegt dann ein anderes Problem der Deutschen Bahn AG.
Wenn ich in ein Flugzeug steige, dann gebe ich mein Gepäck auf und nehme es am Ziel meiner Reise wieder in Empfang. Wenn ich mit dem Zug reise und umsteigen muss, darf ich mich mit meinem Gepäck durch enge (und meist verstopfte) Gänge in überfüllten Zügen schlängeln und von Bahnsteig zu Bahnsteig hetzen – oftmals müssen dabei auch mehrere Treppen mit vollem Gepäck bezwungen werden.
Komfortables Reisen geht anders.
Ein letzter Grund, der nach wie vor gegen das Reisen mit dem Zug spricht: Es ist einfach zu teuer. Bei den beschriebenen Nachteilen hinsichtlich Geschwindigkeit und Komfort ist es nicht einzusehen, warum eine Zugfahrt für die gleiche Strecke fast immer teurer ist als ein entsprechender Flug oder die Fahrt mit dem Auto.
Und so wird auch weiterhin alles oberhalb 500km mit dem Flugzeug zurückgelegt werden. Wenn Bahnchef Medorn tatsächlich mehr Kunden auf die Schiene locken will, sollte er seine Angebote (und seine Fahrpläne, besonders für die Hochgeschwindigkeitszüge) noch einmal überdenken.
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Tags: Automobil, Deutsche Bahn, Hartmut Mehdorn








Am 12. Juni 2007 um 11:08 Uhr
Ich war am Wochenende mit einer Reisegruppe unterwegs, die einmal im Jahr von Köln nach Hannover fährt, um dort einen befreundeten Verein zu besuchen. Dieses Jahr sind wir das letzte Mal mit dem Zug gefahren, so viel steht fest. Ich habe im ICE knapp drei Stunden lang gestanden – oder besser: Bin ständig hin und her gegangen, um andere Reisende mit Koffern und teils riesigen Rucksäcken durchzulassen. Was gar nicht so einfach war, weil der Zug über eine Strecke fährt, die für Hochgeschwindigkeitszüge gar nicht geeignet ist und daher nur hin und her wackelt und alle Stehenden durch die Gegen schleudert, wodurch sie auf die am Boden sitzenden treten. In einem Waggon war die Klimaanlage ausgefallen, was diesen zum “schnellsten Saunaclub Deutschlands” (O-Ton eines Passagiers) macht. Ganz davon abgesehen haben einige von uns wegen der Verspätung eines Bummelzuges noch den ICE verpasst, und eine falsche Auskunft auf der Rückfahrt führte dazu, dass wir einen ICE später nehmen mussten, weil wir statt im Regionalexpress mit der S-Bahn zum ICE-Bahnhof fahren mussten.
Nächstes Jahr fahren wir mit dem Reisebus. Kostet dann auch weniger…
Am 15. Mai 2008 um 11:01 Uhr
Sehe ich genauso. Inzwischen ist es noch schlimmer, in Bamberg wird nochmal gehalten. Und warum steht der Zug eigentlich in Berlin 13 Minuten lang herum? Warum 14 in Nürnberg? Selbst größte Kundenmassen sollten in höchstens fünf Minuten ein- und ausgestiegen sein. Erst gibt man auf der Strecke Vollgas, um dann ne Viertelstunde in Berlin und Nürnberg zu verplempern.