Polens tote Legionen
Als ich gestern gelesen habe, dass Polens Kartoffel Premier Jaroslaw Kaczynski nun fordert, bei der Bestimmung des Stimmgewichts seines Landes auch die im Zweiten Weltkrieg Gefallenen und die damals getöteten Zivilisten mit zu berücksichtigen, habe ich dann doch gestutzt. Ist das einfach Dummheit, rasender Deutschenhass, oder vielleicht eher eine medizinisch zu behandelnde Angelegenheit?
Ich verstehe nicht, wie man derart in der Vergangenheit verfangen sein kann, in einer Vergangenheit, die nun – gottseidank! – bereits mehr als sechs Jahrzehnte hinter uns liegt. Unsere (deutschen) Vorfahren haben damals schlimm in Europa und Afrika gewütet, das möchte ich auch gar nicht in Abrede stellen. Ich bin auch sehr für ein andauerndes Gedenken an die damals begangenen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und das internationale Völkerrecht.
Allerdings denke ich auch, dass man irgendwann einmal den Schwenk in Richtung Zukunft schaffen muss. Deutschland wurde mit jahrzehntelanger Teilung (und einer zweiten Diktatur im östlichen Teil) für die begangenen Sünden bestraft und hat eine schwere Phase der Läuterung durchgemacht.
Nie zuvor gab es einen derart friedfertigen, schon fast bis zur Selbstaufgabe kooperativen deutschen Staat. Da befremdet mich das extrem deutschenfeindliche Auftreten der beiden Brüder Kaczynski dann doch. Ich halte das schlicht für geschmacklos, unsinnig und unberechtigt. Und mit dieser Meinung scheine ich auch nicht alleine zu sein.
Österreichs sozialdemokratischer Bundeskanzler Gusenbauer bewertet das polnische Ansinnen nach höherem Stimmgewicht als »Illusion«, und auch der SPD-Abgeordenete im EU-Parlament Martin Schulz, sieht das offensichtlich ähnlich:
“Wer mit dem Aufrechnen von Kriegstoten in solche Verhandlungen geht, zeigt, auf welchem Niveau er sich bewegt”, sagte der Fraktionsvorsitzende der Sozialdemokraten im Europaparlament, Martin Schulz, dem “Handelsblatt”.
[Quelle: SPON ]
Dabei sind normalerweise ja gerade die eher linken Politiker nicht so schnell dabei, wenn es darum geht, Nationalismus auch mal bei anderen und nicht nur bei der eigenen Nation zu kritisieren. Da muss dann also schon was dran sein.
Aber nehmen wir den Vorschlag von Premier Kazcynski doch mal kurz ernst und untersuchen ihn ein bisschen näher.
Polen hat im Zweiten Weltkrieg ca. sechs Millionen Bürger verloren, die entweder als Soldaten auf dem Schlachtfeld starben oder als Zivilisten von den deutschen oder russischen Truppen (ja, auch das »Brudervolk« hat gewütet!) ermordet wurden. Inzwischen hat Polen laut Wikipedia etwa 38,5 Millionen Einwohner.
Kaczsynki macht nun folgende Rechnung auf: Wenn im Zweiten Weltkrieg nicht sechs Millionen Polen ums Leben gekommen wären, hätte Polen heute 66 Millionen Einwohner. Daher müsste Polen auch mehr Stimmgewicht in der EU haben.
Moment mal: Wie soll denn das gehen?
Selbst wenn es sich bei den sechs Millionen Getöteten ausschließlich um junge Frauen im gebährfähigen Alter gehandelt hätte – und die meisten dürften wohl Männer gewesen sein – selbst dann wäre es ein Wunder, wie sich Kazcynski einen zusätzlichen Bevölkerungszuwachs von 28 Millionen Einwohnern bis heute zusammenlügt vorstellt. Denn dann hätte ja jede der damals getöteten Personen im Schnitt mindestens fünf Nachkommen zeugen müssen; immer unter der Prämisse, dass es sich lediglich um junge gebährfähige Frauen handelt.
Wenn man allerdings weiß, dass überwiegend Soldaten und Aufständische (also überwiegend Männer) sowie nicht mehr Arbeitsfähige getötet wurden, dann erkennt man sehr schnell, dass der damalige Bevölkerungsrückgang sich inzwischen keineswegs auf 28 Millionen ausgewachsen haben kann: Denn z.B. alte Männer haben ihre reproduktive Phase bereits hinter sich, sie können selbst auch keine Kinder bekommen.
Wer mit solchen erfunden oder dem wahnhaften Hass auf alles Deutsche entsprungenen Zahlen argumentiert, verliert schnell alle Glaubwürdigkeit.
Ein – natürlich nicht ernst gemeinter – Vorschlag zur Güte an die beiden Kartoffeln Kaczynski-Brüder:
- Wir berücksichtigen die Bevölkerungsverluste aller europäischen Staaten im Zweiten Weltkrieg. Dann erhöht sich das polnische Stimmgewicht, aber auch das französische, belgische, britische, niederländische, ... Und auch das deutsche, denn erstens sind viele deutsche Soldaten gefallen und Zivilisten bei Bombenangriffen oder durch die Besatzung ums Leben gekommen, und zweitens hat Deutschland viele Gebiete (und die dort lebende Bevölkerung) nach der Niederlage verloren, so dass es auch dafür eine Kompensation geben müsste.
- Alternativ kann man es natürlich auch so sehen: Wenn die Kaczynskis nun die polnischen Toten des Zweiten Weltkriegs ins polnische Stimmgewicht mit eingerechnet haben wollen, kann man das eigentlich nur unterstützen. Allerdings muss man dann auch berücksichtigen, dass große Teile des heutigen Polens (und damit auch der Bevölkerung und des assoziierten Stimmgewichts) vor und im Zweiten Weltkrieg zu Deutschland gehörten und damit nicht nur das polnische, sondern auch das deutsche Stimmgewicht erhöht werden muss.
Aber ich kann mir schon vorstellen, wie die polnischen Nationalisten darauf reagieren würden: Ein bisschen beleidigt, weil man ihre Opferrolle nicht ernst nimmt, würden sie sich um so mehr in deutschen- und europafeindliche Hassphantasien verlieren, immer noch absolut davon überzeugt, dass sie für eine gerechte Sache eintreten und dem polnischen Volk Nutzen bringen.
Armes Polen, dass Du eine solche Regierung hast!
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