Bitkom, Sony, Microsoft: DRM als »Kerntechnologie« des digitalen Zeitalters

Die Bitkom ist eine Vereinigung derjenigen Software-Anbieter, die – formulieren wir es mal vorsichtig – die Zeichen der Zeit noch nicht so ganz erkannt haben und es nach wie vor für völlig normal halten, dem Kunden die eigenen Regeln aufzuzwingen. Da wird dann schon einmal Open Source Software als Bedrohung für die Software-Branche erkannt oder aber, wie gerade jetzt, eine eigenwillige Interpretation der Realität als objektive Beschreibung derselben ausgegeben:

Der Bundesverband Informationswirtschaft Telekommunikation und neue Medien (Bitkom) hat anlässlich des von der WIPO ausgerufenen “Welttages des geistigen Eigentums” eine Broschüre zu DRM (Digital Rights Management) veröffentlicht. Mit der 40-Seiten-Broschüre will der Bitkom “dazu beitragen, ein vollständigeres Bild der existierenden DRM-Technologie zu zeichnen und ihre Möglichkeiten darzustellen.”

[ Quelle: golem.de ]

Aha.

DRM (Digital Restriction Management) ist also eine Kerntechnologie des digitalen Zeitalters. Da bin ich baff. Ist es im digitalen Zeitalter nicht eher so, dass die freie Weitergabe von Informationen und die organisationsübergreifende und weltweite Kooperation eine »Kerntechnologie« ist?

In welch falsche Richtung diese einseitige, leider völlig falsche und von vorneherein zum Scheitern verurteilte Festlegung auf die Beschneidung der Kundenrechte durch DRM zeigt, wird auch an zwei anderen Beispielen deutlich. Sony war bereits durch durch ein per angeblichem »Kopierschutz« auf die Rechner der Kunden eingeschleustes Rootkit aufgefallen und musste dafür nach einer class-action lawsuit zumindest in den USA kräftige Schadenersatzzahlungen leisten. Nun schaltet Sony seinen DRM-verseuchten Musik-Onlineshop ab:

Das Nachsehen haben die ehrlichen Verbraucher. Bereits Ende März 2008 schaltete Sony die DRM-Server für den ehemaligen, hauseigenen Connect-Online-Musikshop ab. In der Folge lassen sich dort erworbene Musikstücke im ATRAC-Format mit DRM nur noch in der lizenzierten Konfiguration transferieren. Eine Übertragung der Musikstücke auf andere Geräte ist nicht mehr möglich. Wer wesentliche Änderungen an der lizenzierten Konfiguration vornimmt, beispielsweise ein Betriebssystem-Update, verliert damit automatisch auch den Zugang zur Bibliothek mit den Musikstücken von Sony Connect.

[ Quelle: golem.de ]

Und Microsoft zieht dann nach:

Sony hatte es vorgemacht, Microsoft folgt. [...] Microsoft folgt dem Beispiel Sonys kein halbes Jahr später. Wie Ars Technica berichtet hat Microsofts Generalmanager für Unterhaltungs- und Videodienste, Rob Bennett, in einer E-Mail an Kunden die Absicht des Unternehmens mitgeteilt, die DRM-Server dichtzumachen: “Nach dem 31. August 2008 werden wir keine Lizenzschlüssel mehr für die von Ihnen bei MSN Music erworbenen Musikstücke oder die Autorisierung weiterer Computer ausliefern können. [...] Wenn Sie versuchen, Ihre Musikstücke nach dem 31. August auf weitere Computer zu übertragen, werden sich diese Musikstücke nicht erfolgreich abspielen lassen.”

[ Quelle: golem.de ]

Da werden tatsächlich die ehrlichen Kunden mit Füßen getreten: Wer ein Musikstück legal in einem der beiden genannten Onlineshops erworben hat und damit implizit auch den Einsatz von DRM zugestimmt hat, der steht jetzt blöd da:

Wie bei Sony gilt allerdings auch bei Microsoft, dass Änderungen an der Systemkonfiguration die Funktionsfähigkeit des installierten DRM-Systems zerstören können.

[ Quelle: golem.de ]

Der Ehrliche ist also der Dumme – wie leider so oft.

Allerdings ist er das nicht erst jetzt, wo die genannten DRM-Systeme abgeschaltet und damit seine Lizenzen wertlos werden. Ganz im Gegenteil.

Der Ehrliche war bereits zu dem Zeitpunkt der Dumme, als er DRM-verseuchte digitale Waren erworben hat.

Wie sehr die Bitkom dem Gestrigen nachhängt wird nicht zuletzt auch dadurch deutlich, dass inzwischen alle großen Labels von ihren DRM-Plänen wieder abgerückt sind und dazu übergegangen sind, ihre Musik wieder ohne DRM zu verkaufen. Nicht zuletzt die fehlende Akzeptanz bei den Kunden wegen fehlender Interoperabilität und der sehr eingeschränkten Nutzbarkeit der digitalen Güter hat dazu geführt. Selbst Web-2.0-Communities wie etwa MySpace bieten inzwischen die Musik der großen Labels ohne Kopierschutz an.

DRM ist keine »Kerntechnologie«, sondern gehört auf die technologische Müllhalde der Geschichte.


Ähnliche Artikel im WWW:

2 Reaktionen zu “Bitkom, Sony, Microsoft: DRM als »Kerntechnologie« des digitalen Zeitalters”

  1. PZK

    Sauber geschrieben, und hast vor allem Noch n paar Dinge verlinkt die ich für mein Posting nicht gefunden hatte!

    PS: Nach dem vierten Blockquotes hast du bei “Der Ehrlich” ein e vergessen.

    Reinhaun!

  2. Martin Eisenhardt

    Danke für die Blumen und den Hinweis auf den Typo – der ist inzwischen gefixt!

Einen Kommentar schreiben

Dieses Blog verwendet Textile für Textauszeichnungen. HTML wird nicht unterstützt.