Die Krise bei der Hypo Real Estate aus der Innensicht
Wie ich bereits am Montag angedeutet habe, ist die Hypo Real Estate (HRE) ein Kunde unseres Unternehmens. Ich habe die ersten Tickermeldungen am Sonntagabend live miterlebt, und ehrlich gesagt: Ich wusste nicht, ob ich am Montag überhaupt noch nach München fahren soll. Immerhin hieß es in den Berichten, die HRE sei »so gut wie pleite«.
Nun habe ich das Glück, sozusagen an der Quelle zu sitzen. Vieles bekommen wir vermutlich noch vor der Presse bzw. den Agenturen mit, und es ist immer wieder erstaunlich, wie die Qualitätsmedien – allen voran natürlich Spiegel Online, aber dazu in einem anderen Posting mehr – es schaffen, die Tatsachen zu verdrehen. Manches Mal frage ich mich, ob das nun Inkompetenz und Ignoranz oder doch Böswilligkeit ist.
Obwohl ich selbst bei einem Bankrott der HRE nicht direkt betroffen wäre – denn von den Top-10-Banken in Deutschland sind die deutliche Mehrzahl unsere Kunden und noch nicht pleite – möchte ich hier doch mal einige Dinge richtig stellen. Und zeigen, wie falsch viele Dinge von Politikern und den Medien dargestellt werden.
Mythos: Die Hypo Real Estate ist pleite
Äh … nein. Überhaupt nicht. Mit “pleite” ist ja gemeint, dass die Verbindlichkeiten eines Unternehmens den Wert des Unternehmens übersteigen. Das ist hier nicht der Fall.
Problematisch war das Refinanzierungskonzept des HRE-Tochter Depfa (Irland). Der Staatsfinanzierer hat langfristige Kredite insbesondere für Großprojekte und Infrastrukturmaßnehmen an Staaten ausgegeben.
Solche Kredite sind enorm ausfallsicher. Sie laufen lange. Daher sind die Zinsen auch verhältnismäßig niedrig.
Um dennoch eine vernünftige Marge zu erwirtschaften, wird die Refinanzierung für solche Kredite zu etwa 90% langfristig ausgelegt – mit diesem Teil des Kredits werden nur minimale Gewinne erwirtschaftet. Die restlichen 10% der Kreditsumme werden kurz- bis mittelfristig refinanziert, mit Laufzeiten zwischen einem Tag und einigen Monaten. Mit dieser »Laufzeitentransformation« wird der Gewinn einer Bank wie der HRE erwirtschaftet.
Das hat bislang immer sehr gut geklappt. Leider ist spätestens nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers der Interbankenmarkt, an dem diese Refinanzierung nachgefragt wird, beinahe völlig zum Erliegen gekommen. Man kann nur noch geringere Summen leihen, und diese nur noch zu horrenden Zinsen.
Keine Chance, auf diesem Markt 35 Milliarden Euro zu refinanzieren.
Wohlgemerkt: Es geht hier nicht um einen Kredit für die HRE, sondern um eine Refinanzierung äußerst werthaltiger Kredite, deren Schuldner ganze Volkswirtschaften sind.
Mythos: Die Hypo Real Estate hat faule Kredite in den Büchern
Äh … nein. Die von der HRE begebenen Kredite sind äußerst werthaltig, es befinden sich (soweit bekannt ist) keine subprime-Kredite darunter.
Mythos: Die Hypo Real Estate soll abgewickelt werden oder wird zerschlagen
Äh … nein. Zwar haben diverse hohe Beamte aus den Berliner Ministerien vor den Medien und selbst Bundesfinanzminister Peer Steinbrück vor den Fraktionen des Bundestages von einer »Abwicklung« der HRE gesprochen – davon kann aber keine Rede sein. Die Bank wird weiter so bestehen, wie sie es auch bislang getan hat.
Allerdings kann es natürlich sein, dass durch die Anpassung des Geschäftsmodells auch strukturelle Anpassungen im Konzern notwendig werden. Aber auch dann kann nicht von einer Zerschlagung die Rede sein. Oder wird gerade die Siemens AG zerschlagen, nur weil sie sich beinahe komplett umkrempelt?
»Mögliche Anpassung des Geschäftsmodells und dementsprechende Umorganisation« wäre der richtige Terminus gewesen. Aber ich gebe zu: Das ist sperrig und bei weitem nicht so gut für eine Schlagzeile geeignet, noch nicht einmal in der FTD oder im Handelsblatt.
Mythos: Der Steuerzahler muss wieder mal für alles blechen
Äh … nein. Die in den Medien kolportierten Kredite über 35 Millarden Euro sind kein Kredit. Es handelt sich um eine Kreditlinie, also um die Zusage, künftig Kredite in der Gesamtsumme von 35 Milliarden abrufen zu dürfen.
Diese Zusage hat die HRE bereits jetzt mit der Hinterlegung von Forderungen gegenüber Kreditnehmern (üblicherweise Kommunen, Staaten und große Konsortien) in Höhe von 42 Milliarden Euro besichert, also übersichert.
Somit besteht weder für das der HRE zur Seite gesprungene Bankenkonsortium noch für den deutschen Staat (und damit die Steuerzahler) ein Ausfallrisiko. Sollte die HRE nun tatsächlich noch in die Zahlungsunfähigkeit schlittern – sei’s drum, dann kann man sich an 42 Milliarden Euro gegenüber äußerst zahlungskräftigen Schuldnern gütlich halten.
Fazit
Alles in allem geht es der Hypo Real Estate nicht wirklich schlecht. Sie schuldet nicht mehr Geld als sie Forderungen gegen Kreditnehmer hat – ganz im Gegenteil.
Unbestreitbar ist allerdings, dass das Geschäftsmodell mit der Laufzeitentransformation angesichts des quasi nicht mehr existierenden Interbankenmarktes gescheitert ist. Da muss sich was ändern.
Allerdings war ein solches Szenario bis vor allerkürzester Zeit schlichtweg nicht denkbar: Das ist nicht der worst case – das ist der »allerallerworseste« case. Niemand hat je auch nur einen Gedanken daran verschwendet, eine Strategie für den Fall zu entwickeln, dass beinahe täglich die größten Investmentfirmen und Banken dieses Planeten zugrunde gehen und man wirklich kein Geld mehr von anderen Banken bekommt, trotz bester Bonität und exzellenten Sicherheiten.
In Zukunft wird das sicherlich als ein Szenario unter vielen dazugehören.
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Tags: Corporate Environment, HRE, Hypo Real Estate, Peer Steinbrück, Subprime, Subprime-Krise








Am 4. Oktober 2008 um 16:47 Uhr
[...] Die HRE braucht mehr Geld! Die paar Milliarden, für die der Staat einsteht, reichen wohl nicht. Nun ist von 50.000.000.000 € die Rede. Und das nur bis Ende 2008. Bis Ende nächsten Jahres könnten 70.000.000.000 bis 100.000.000.000 Euro fehlen. Aber keine Angst. Wir wissen ja, dass diese irre Lage der Bank nichts mit der amerikanischen Finanzkrise zu tun hat. Die HRE ist halt im Moment ein wenig knapp bei Kasse. Ihre Sicherheiten sind in Ordnung. Schließlich sitzt die Tochter des Unternehmens (Depfa), von der die ganze Scheiße ausgeht, angeblich werthaltigen Krediten. [...]