Demagogische Wahlhilfe für Übersee

Ich mag es nicht, wenn für mich gedacht wird. An mich: ja. Für mich: ne, das mache ich lieber selbst. Vor allen Dingen weiß ich dann auch, dass ich den Ergebnisse zumindest einigermaßen trauen kann.

Wenn ich bei SPON lese, dass der Stimmenanteil für Barack von den MSM möglicherweise unterschätzt werde, dann wundere ich mich da besonders über die Begründung:

Der Vorsprung Barack Obamas vor seinem Konkurrenten John McCain ist womöglich größer, als die Umfragen nahelegen, berichten US-Psychologen. In konservativ geprägten US-Staaten verzerre sozial erwünschtes Verhalten Wahlprognosen.

Dazu habe ich zwei Anmerkungen:

Erstens gehe ich mal ganz stark davon aus, dass es sich bei diesem Anpassungsverhalten der Befragten an das vermeintlich gesellschaftlich und sozial Akzeptable nicht erst bei dieser Wahl und auch nicht nur in den USA gibt.

Auch in Deutschland geben konsistent zu wenig Befragte an, dass sie etwa die (deutschen) Republikaner wählen oder die Die.Linke; auch bei Exit-Polls sind die Wähler dieser extremen Parteien weniger bereit, eine der Wahrheit entsprechende Auskunft zu geben.

Das alles hat man schon lange bemerkt und diese Unaufrichtigkeit der Befragten ist bereits »eingepreist«, die entsprechenden Stimmanteile für die extremen Parteien werden entsprechend nach oben korrigiert.

So und nicht anders wird das auch in den USA gehandhabt.

Zweitens – und das ist der eigentlich wichtige Punkt – dürfte es vielleicht in einigen stock-konservativen Staaten gesellschaftlich unschicklich sein, sich zu Obama zu bekennen. Aber wie sieht es denn in den »progressiven« Staaten aus, z.B. in Kalifornien und in New York? Dort ist es eher ein Problem, sich offen zu John McCain zu bekennen. Und diese Staaten haben ein ungleich höheres Stimmgewicht im electoral college, der Wahlmännerversammlung, die den Präsidenten dann wählt.

Wenn man also davon ausgeht, dass sich in ein paar Midwest-Staaten oder im Süden zu wenige Menschen zu ihrer eigentlich Sympathie für Barack Obama bekennen und das nicht von den Demographen herausgerechnet wird, dann muss man den gleichen Maßstab auch für die eher den Demokraten zugeneigten Staaten an den Küsten anlegen – und da leben nun einmal mehr Wähler, so dass der Effekt dort den Effekt in den konservativen Staaten überwiesen dürfte.

Man kann also getrost davon ausgehen, dass der Stimmanteil für Barack Obama eher konsistent zu hoch geschätzt wird und nicht zu niedrig. Auch vergangene Wahlen haben immer wieder gezeigt, dass der Amerikaner in der Einsamkeit der Wahlkabine im Zweifel eher konservativ wählt und sich für obskure Gestalten, die immer nur »Yes We Can« und »Change« wieder und wieder skandieren, eher weniger erwärmen kann.

Die Diskussion ist ohnehin müßig. Wichtig ist nicht, wer in den Umfragen führt – sondern wer im November mehr Wahlmänner hinter sich bringt. Und das ist nicht das gleiche wie die Stimmenmehrheit, auch wenn das insbesondere in Deutschland vielen nicht passen mag.

Ähnliche Artikel in diesem Blog:

Tags: , , , , , , , ,

Einen Kommentar schreiben

Dieses Blog verwendet Textile für Textauszeichnungen. HTML wird nicht unterstützt.